Jutta statt Jeanne d'Arc

Stand: 17.07.2019

Sie: Pferdenärrin seit mehr als 20 Jahren. Er: Typ Lonesome Rider – aber ohne Reiterfahrung. In Teamarbeit entwickelte das Paar die neue Reiter- und Pferdeapp „Jutta!“. Hier im Interview erzählen die Programmierer Anne Kwella und Martin Klemkow, wie sie ihre jeweilige Liebe zu Pferden entdeckten und warum die App diesen etwas eigenwilligen Namen trägt.

Anne, du bist ein „Pferdemädchen“ durch und durch. Wie hat deine Reitkarriere begonnen?

Anne Kwella: Als ich klein war, hatte niemand aus meiner Familie etwas mit Reiten zu tun. Meine Großeltern wohnten aber neben einem Trakehnergestüt. Ich war noch keine zwei Jahre alt, da stromerte ich im Sommer täglich am Zaun entlang und schaute den Pferden zu. Ich wollte schon als Kleinkind unbedingt reiten lernen, stand an jeder Koppel der Umgebung, habe jedes Pferd gestreichelt. Obwohl meine Mutter Angst vor Pferden hatte, gab sie nach. Und so folgten bald Ausritte auf dem Pony durch das Dorf von Oma und Opa. Richtigen Reitunterricht bekam ich allerdings erst mit elf, zwölf Jahren. Kurz darauf zog ich durch die Lande und suchte meine erste Reitbeteiligung.

Mit Erfolg?

AK: Nun ja, die anfänglichen Proberitte endeten fast alle im Sand. Viele Pferde, die ich in den darauffolgenden Jahren ritt, waren tatsächlich etwas speziell. Aber das waren meistens auch die, von denen ich am meisten gelernt habe. Daher habe ich ein Herz für ein bisschen irre Pferde. Mit 16 Jahren kaufte ich mir dann – statt wie andere ein Moped – mein erstes eigenes Pferd. Dieses Fohlen und seine Eltern – die Mutter war mein damaliges Reitpferd – gehörten einer Züchterin, bei der ich ritt. Eigentlich hatte ich gar nicht das Geld für ein eigenes Pferd. Aber wenn die Pferde, die du magst, Nachwuchs bekommen, der dich mit großen Kulleraugen ansieht und quasi ein Preisschild um den Hals zu hängen hat, dann...

... hat man sein Herz verloren. Aber trotz deiner großen Liebe zu Pferden kam ein Leben als professionelle Reiterin für dich nicht infrage?

AK: Ich glaube, jedes kleine Mädchen, das reiten lernt, möchte am liebsten irgendwann die Olympischen Spiele im Sattel gewinnen. Aber ein Job in diesem Bereich ist knallhart, und daher ziehe ich es vor, mein Reiterleben ausschließlich als Freizeitsport zu genießen. Ich bin absolut keine Profireiterin.

Und wie bist du zum Reiten gekommen, Martin?

Martin Klemkow: Als ich Anne kennenlernte, beschränkten sich meine Reiterfahrungen auf ein waghalsiges Experiment mit einem armen Gaul im Hansapark 30 Jahre zuvor. Ich bin zwar auf einem Hof groß geworden mit Schweinen, Gänsen, Enten, aber ohne Pferde. Mit diesen Tieren hatte ich bislang also keine Berührungspunkte und genauso eine emotionale Bindung wie beispielsweise zu Kühen auf der Weide.

Das hat sich dann aber geändert?

MK: Ich bin die ersten Monate mit Anne fast jeden Tag zum Stall gefahren und habe mich um unsere Hunde gekümmert oder zugeschaut, während sie geritten ist. Nach einer Weile dachte ich jedoch, nur so herumstehen oder die Koppel abäppeln ist auch doof. Wirklich Schwung in die Sache kam, als Anne begann, nach einem erfahrenen Zweitpferd zu suchen.

Ihr wolltet ein neues Pferd?

MK: Anne wollte gern ein Pferd, auf dem sie sich weiterbilden konnte. Und insgeheim hatte sie wohl schon Pläne geschmiedet, wie sie auch mir das Reiten näher bringen könnte. Bei der täglichen Kleinanzeigendurchsicht stolperte sie über Jutta. Der Stammbaum sah ganz vielversprechend aus, das Foto überhaupt nicht, wir fuhren direkt hin. Jutta, eine Fuchsstute, stand auf einer nahe gelegenen Dorfkoppel, war schon 17 Jahre alt, seit Ewigkeiten hatte sie niemand mehr geritten, bestimmte Details ihrer Vergangenheit waren nicht bekannt. Doch da waren wieder diese Kulleraugen...

AK: Und der Name! (lacht) Jutta heißt offiziell Jeanne d’Arc. Aber auf dem Dorf hatte scheinbar niemand Sinn für diesen hochtrabenden Namen gehabt und so rief man sie schon lange nur Jutta. Uns hat das gefallen. Denn dieser Name entspricht auch viel mehr ihrem Charakter: lieb und ein bisschen tüdelig.

Und so galoppierte Jutta, die Namensgeberin für die App, in euer Leben?


AK: Richtig. Wobei es anfangs eher ein eigensinniger Trab rückwärts war. Aber wir hatten uns sofort verliebt und kauften sie vom Fleck weg. Man hatte uns allerdings gewarnt, dass Jutta keine Männer mag und Angst vor ihnen hat. Doch 24 Stunden, nachdem wir sie mit nach Hause genommen hatten, stand Martin auf der Koppel und kuschelte mit diesem Pferd.

MK: Jutta ist ja gut ausgebildet. Vermutlich hat sie gleich gemerkt: „Der Typ da hat keine Ahnung und will nichts Weltbewegendes von mir.“ Zu dem Zeitpunkt hätte es keinen Unterschied gemacht, ob ich sie reite oder ob man ihr einen Sack Mehl auf den Rücken legt. Mittlerweile nehme ich aber Reitunterricht. Ich glaube, Jutta freut sich darüber.

Wie viele Pferde habt ihr jetzt?

AK: Mittlerweile drei. Bei Martin gab es nämlich noch den Wunsch eines „Fleckentiers“.

MK: Jeder hat ja seltsame Spleens. Und nachdem die Leidenschaft fürs Reiten bei mir geweckt war, hatte ich immer wieder so ein albernes Bonanza-Bild vor Augen von diesen lustig gefleckten Pferden, die in Westernfilmen herumlaufen. Denn während ich mit der englischen Dressur relativ wenig anfangen kann – das ist bisschen so wie: „Frag den Typi mal, ob er Ballett tanzen will.“ – gefiel mir die kitschige Vorstellung, mit Pferd und Hund dem Sonnenuntergang entgegen zu reiten. Also blätterte dann ich durch die Kleinanzeigen…

AK: Und bald darauf zog Pferd Nummer drei bei uns ein. Vier Tage später, am 5. Juni 2018, haben wir die erste Zeile Programmiercode für Jutta! geschrieben.

Zeitlicher Zufall?

MK: Nein, das geschah wirklich aus dem Eigenbedarf heraus. Wir gehörten seinerzeit zu einer Stallgemeinschaft mit Offenstall. Hier wurde Vieles selbst gemacht, vom Flicken der Zäune über das Füttern bis hin zum Abäppeln der Koppel. Ständig mussten Absprachen untereinander getroffen werden. Und mit drei Pferden waren wir plötzlich in unzähligen Gruppenchats und Einzelchats unterwegs, den ganzen Tag wurden Nachrichten hin- und hergeschickt. Das machte ganz schnell keinen Spaß mehr.

AK: Und wir dachten uns, wir werden doch garantiert nicht die einzigen Reiter sein, die diese Probleme haben. Und es ist die Berufskrankheit, die uns dazu trieb, sofort über eine Problemlösung mit unseren Mitteln nachzudenken. Dazu eine Flasche Wein, ein paar gute Teamkollegen und schon ging es los.

Wie viele Arbeitsstunden stecken bislang in dem Projekt?

MK: Mittlerweile dürften es so um die 13.000 Stunden sein.

AK: Plus die nicht mitgezählten Stunden, also die „Dunkelziffern“, die jeder aus unserem Team unter der Dusche stehend, im Bett liegend oder auf dem Pferd sitzend damit zugebracht hat, über Problemlösungen rund um die App zu grübeln.

MK: Das Jutta!-Projekt hat natürlich eine Entwicklungszeit durchlaufen. Es war ein langer Weg von der ersten Idee bis zu dem, was es heute ist.

Wie nutzt ihr persönlich Jutta! in eurem Reiteralltag?

AK: Die Wochenpläne von Jutta! sind für uns sehr hilfreich, weil wir unsere Pferde ja gemeinsam nutzen und beispielsweise den jeweiligen Reitunterricht eintakten müssen. Auch Tierarzttermine oder notwendige Medikamentengaben stehen da drin.

MK: Wenn die Wochen nur so an dir vorbeirasen, ist die Erinnerung, dass übermorgen schon wieder der Hufschmied kommt, pures Gold wert. Aber ich scrolle auch einfach gern durch die Timeline von Jutta! und schaue mir Posts an.

Jutta! – die App – läuft. Habt ihr aktuelle Pläne für die „Offline-Reiterwelt“?

AK: Meine Zeit als Reitbeteiligung in der Pferdezucht hat mich sehr geprägt. Und so gab es durchaus mal den Gedanken an kleine Nachwuchs-Juttas mit großen Kulleraugen.

MK: Aber dann haben wir uns gefragt, ob wir jemals ein Fohlen von Jutta abgeben könnten. Wir sind sehr schnell zu dem Schluss gekommen, wir sollten keine Fohlen züchten. Sondern nur Apps großziehen.